Dr. Andrea Hötger Supervision Coach Paderborn Borchen

Goethe Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes und Seelenlebens 1809Inspiration durch sinnliche Erfahrungen

Unser Gehirn meldet derzeit Gefahr. Wir sind wachsam und auf Überlebensmodus gepolt. Neuste Infektionskurven, existentielle Bedrohungen nicht nur für die Gesundheit, sondern für das eigene Unternehmen beschäftigen uns. Es rattert innerlich wie äußerlich auf Hochtouren: Wie stelle ich auf virtuelle Dienstleistungen um? Wie komme ich an Ausgleichszahlungen? Gleichzeitig: Wie funktioniert das Leben mit Homeoffice – jetzt auch noch mit der vollen Verantwortung für die nicht anderweitig betreuten Kinder im Hintergrund, die je nach Alter gelangweilt herumturnen oder unproduktiv herumchillen.
Es gibt inzwischen viele Artikel zur Umdeutung der Krise als Chance zur Entschleunigung und zu gesellschaftlichem Umdenken. Außerdem gibt es praktische Tipps für gelungenes Homeoffice mit gutem Selbstmanagement. Beides finde ich unbedingt wertvoll. Und doch ist es schwer, in einen wirklich gedeihlichen Modus zu finden, wenn mindestens ein Drittel des Gehirns nur auf Störung wartet. Wie schaffe ich es, das Mehr an Zeit zu einem Mehr an Qualität zu wandeln?
Ich zum Beispiel eiere schon seit Tagen an einem Konzeptpapier herum und fühle mich lustlos, frei von Ideen und ständig abgelenkt von innen wie von außen.

Was also tun?

1. Einen sicheren Rahmen schaffen – Wahrnehmen - Akzeptieren

Der größte Teil des momentanen Aktivismus oder aber auch der Lähmung ist eine Reaktion aus dem Reptiliengehirn im Sinne von „Kampf, Flucht oder Starre“. Geben wir also zuerst dem Überlebensmechanismus Raum, um einen sichereren Rahmen zu schaffen: Was schwirrt mir im Kopf herum? Was brauche ich, damit ich einen funktionierenden Alltag leben kann? Alles, was mir im Kopf herumschwirrt schreib ich auf und priorisiere. Was gilt es dringend zu tun? Eine eigene Tagesstruktur mit Sinn entwickeln, Not-wendiges für die Lieben regeln, Erkundigungen einziehen über Notprogramme für die eigene Branche, Termine umwandeln usw...

Das Überlebensprogramm ist wichtig, verhindert jedoch ein frei werden für neue Gedanken. Wir können uns Tag und Nacht Corona-Infos aussetzen und morgens die neusten Berichte im Internet betrachten. Für zukunftsfähige Kreativität muss ich jedoch raus aus der Befeuerung von außen. Falls Sie noch keine eigene Strategie dazu haben– mir gelingt es oft durch das Eintauchen in die Natur oder in die Musik – versuchen Sie es mit der Achtsamkeitsübung auf den Atem.

Je ruhiger ich werde, um so bewusster wird: Corona ist eine Krise für die Gesellschaft und für fast alle Einzelnen. Es stellt einen massiven Autonomieverlust dar. Neben Lösungsversuchen brauche ich zur Krisenverarbeitung auch das Zulassen der Verluste. Ella Gabriele Amann sieht in Akzeptanz und Selbstbezug wesentliche Mittel für einen resilienten Umgang mit Krisen. Wenn ich im Hier und Jetzt sein will, im Kontakt mit mir und anderen, wenn ich kreativ und präsent sein will, dann muss ich mir auch meiner sozial unerwünschten Gedanken und Gefühle gewahr sein. Diese gilt es anzuschauen und zu akzeptieren – in dem Wissen, dass es noch vielfältige andere Anteile in mir gibt.
Mein Konzept liegt brach – ich habe anderes zu tun und den Kopf nicht frei – ich akzeptiere auch das, in der Hoffnung, dass sich der Knoten noch löst.

2. Frei-Raum suchen – Ver-rücktes Tun – positive Anker finden

Jetzt erst kann ich aus dem Überlebensmodus kommen. Was geht trotzdem? Wenn ich mich bereits lustvoll auf etwas fokussieren kann, dann tue ich wohl das Richtige. Aber: „Wenn etwas nicht funktioniert, versuche etwas anderes“. Wenn wir die Krise als Chance nutzen und unsere Hirnareale auffrischen wollen, braucht es jetzt neue Impulse, wir müssen uns ver-rücken – aber bitte auf unterschiedlichen Kanälen, mit unterschiedlichen Sinnen. Durch die Erkenntnisse der Hirnforschung wissen wir, dass Neues wirksam installiert werden kann, wenn wir auf frühere Hirnschichten zurückgreifen. Dazu nehme ich mir einen Frei-Raum, den ich mir in diesen Zeiten mehr denn je gönnen kann.
Auf der Grundlage der Entspannung, die wir inzwischen hoffentlich dazu gewonnen haben, gilt es positive Emotionen durch unterschiedliche sinnliche Erfahrungen anzuregen. Mit Farben, Musik, Gerüchen und/oder Körpererfahrungen knüpfe ich an meine Ressourcen an. Das Verlassen der Komfortzone bei der Wahl der kreativen Mittel lässt mich auch im Denken meinen Spielraum ausweiten. Heinrich Fallner und Michael Pohl nennen diese Phase im Coachingprozess die „Eingebungsphase“. Hier wird Komplexität so erhöht, dass sich Neues mit Alten verbinden und so ein attraktiver gangbarer Weg gefunden werden kann.
Mit der Hilfe positiver Marker spüre ich, was geht und was es braucht, dass mir das Tun Freude bereitet. Sorgen Sie für wunderschöne, völlig zweckfreie sinnliche Erlebnisse, die dennoch ihren Zweck tun. Ich habe es ausprobiert:
Es brauchte erst die Animation guter Freunde, mich auf das Ver-rückte wirklich einzulassen. Es hat sich jedoch gelohnt. Jetzt weiß ich wieder, warum ich dem Konzept zugesagt habe. Ich habe meine Mission dahinter wiedergefunden!

3. Entscheiden – Planen - Absichern

Jetzt komme ich zu der Entscheidung, was mir wirklich wichtig ist. Das, was Maja Storch „die Überquerung des Rubikons“ nennt, passiert, wenn wir sagen: Ja, das will ich. Nicht nur, weil es vernünftig ist, sondern weil darin etwas liegt, was mir Freude macht. Erst jetzt hat das Selbstmanagement eine Chance.

Mit der Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse, die Klaus Grawe herausgearbeitet hat, geht es voran. Ich gewinne die Vorstellung von Lust, wenn ich an die Arbeit denke. Ich sorge für eine brauchbare Orientierung und eigenen Einfluss auf den Verlauf des Projekts und ich habe eine Erhöhung des Selbstwerts im Sinn, wenn ich daran denke. Falls es ein kritisches Projekt ist, überlege ich, wie ich im Zweifel meinen Selbstwert schützen kann. Letztlich ist es für die weitere Umsetzung oft wichtig, einen Sparringspartner für das Neue zu finden: Jemand der mich stärkt in meinem Vorhaben. Manchmal hilft ein einfaches Telefonat, manchmal auch ein gutes Buch. Auf dieser Grundlage integriere ich mein Vorhaben in mein Selbstmanagement.

Damit die unwillkürlichen Reaktionen auf zwangsläufige Impulse von außen oder Gedanken und Gefühle von innen meine Pläne nicht wieder umwerfen, mache ich im Sinne des Zürcher Ressourcenmodells einen Wenn-Dann-Plan. Wenn die Kinder mich dringend brauchen, wenn die nächsten Stornierungen kommen, wenn ich mich isoliert fühle, wenn mich mein Handy lockt… was mache ich dann?

Ich habe einen klaren und realistischen Plan mit Abgabetermin für mein Konzept. Für jedes „Wenn“-Ereignis habe ich eine Vereinbarung mit mir getroffen. Es sind ein paar spannende Ideen im Konzept dazu gekommen, die ich vorher gar nicht im Sinn hatte – eine gute Motivation fürs Weitermachen.

Exemplarische weiterführende (unbezahlte) Hinweise:

Achtsamkeitsübung auf den Atem:
www.achtsamkeit-düsseldorf.de
Hier stellt sich Maren Schneider vor, die einerseits eine Menge Übungen auf Youtube eingestellt hat, darüber hinaus auch einen sehr gut allein durchführbaren 8-Wochen-Kurs zur Achtsamkeit als Buch mit CD herausgegeben hat.

Zu Resilienz:
Amann, Ella Gabriele: Micro-Inputs Resilienz.
Sehr empfehlenswertes Buch nicht zuletzt für Trainer*innen.

Zur Hirnforschung:
Roth, Gerhard/Ryba, Alica: Coaching, Beratung und Gehirn.
Gern lese und höre ich dazu auch Gunther Schmidt und Maja Storch.

Zur Eingebungsphase in Entwicklungsprozessen:
Pohl, Michael/Fallner, Heinrich: Coaching mit System.
Die beiden kommen aus dem Bereich der Gestaltberatung und haben einen integrativen Ansatz entwickelt, der der modernen Hirnforschung sehr entspricht.

Zu Maja Storch und dem Zürcher Ressourcenmodell:
www.majastorch.de
Grundlegend ist hier das Werk zum Selbstmanagement:
Storch, Maja: Selbstmanagement – ressourcenorientiert: Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcenmodell (ZRM)

Zu den psychologischen Grundbedürfnissen:
www.klaus-grawe-institut.ch

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