Dr. Andrea Hötger Supervision Coach Paderborn Borchen

Online

Drei Aspekte für eine professionelle Online-Beratung

Sowohl in der Beraterszene als auch bei den Kund*innen scheiden sich die Geister beim Thema Online-Beratung. Einige lehnen sie kategorisch ab: „Das ist ja keine echte Begegnung.“ oder akzeptieren sie nur, solange nichts anderes möglich ist. Andere springen positiv darauf an „Endlich – das macht doch keinen Unterschied. Digital ist doch angesagt.“ Die professionelle Wahrheit liegt meines Erachtens dazwischen. Hier lesen Sie drei unabdingbare Aspekte für eine professionelle Online-Beratung.

1. Eine gleichzeitig offene wie wertebezogene Haltung

Ist die Digitalisierung in unserer Lebens- und Arbeitswelt gut oder schlecht? Ist Online-Beratung gut oder schlecht? Wie einfach wäre es, es gäbe eine eindeutige Antwort darauf. Wir können nur sagen: Digitalisierung ist Realität UND Online-Beratung ist möglich.

Mein Wertesystem ist in der christlichen Kultur geprägt. In diesem Kontext hörte ich Anfang der 1990er Jahre die Vorlesungen in christlicher Sozialethik bei Dr. Alfred Völler. Damals wollten viele der Studierenden von ihm z.B. hören, dass Gentechnik an sich schlecht sei. Auf eine solche Bewertung ließ er sich nicht ein und antwortete: „Ethisch wertvoll ist das, was auf Dauer und aufs Ganze gesehen dem Leben dienlich ist.“ Natürlich wissen wir nicht genau, was auf Dauer und aufs Ganze gesehen dem Leben dienlich ist, doch wir sollten uns darum bemühen, ein paar Einschätzungen dazu zu gewinnen.

Jenseits aller Professionsfragen freue ich mich z.B. bei gut überlegten Online-Beratungen über den Gewinn an Zeitressourcen und den geringeren ökologischen Fußabdruck. Das ist dem Leben dienlich.

Praktisch reduziert Online-Beratung z.B. die Wahrnehmungsmöglichkeiten wie auch meine Einflussmöglichkeiten im Raum. Das bedeutet andererseits auch ein Schutz für die Kund*innen. Mich als Beraterin fordert es zu umso höherer Kreativität und Sprachkompetenz heraus, um die Art der Hypothesenbildung und Intervention, die ich im face-to-face-Kontakt nutze, anderweitig umzusetzen. Diese andere Herangehensweise steigert meine Professionalität. Durch vermehrtes Rückfragen bringe ich noch mehr Gewahrsein und Verantwortung in den Raum des Kunden. Und sehr oft habe ich inzwischen selbst erfahren: „Medial vermittelte Interaktion kann extrem gefühlsgeladen sein.“ (Berninger-Schäfer, Coaching-Magazin 2020)

In Anbetracht der Akzeptanz von Realität und mit dem Ziel, dass Kunden gut beraten sind, sollten wir Profis das Feld der Online-Beratung nicht den Laien überlassen, sondern unsere Qualität in die Online-Formate transformieren. Eine Absage an diese ist ein Selbstausschluss an Mitgestaltung.

Svenja Hofert, Beraterin auf der Höhe der Zeit, sagt: „Wir sollten dran arbeiten, eine sinnvolle Koexistenz mit den Roboterfreunden zu gestalten.“. Inhaltlich muss es in Zeiten der Digitalisierung noch mehr als bisher um menschliche Bildung gehen: „Eine friedliche Koexistenz von Mensch und künstlicher Intelligenz erfordert Rückbesinnung und die Rückgewinnung verlorener Menschenkräfte. Kein Computer kann so empathisch, intuitiv und kreativ sein wie wir.“ (aus: Hofert: Mindshift, Vorwort). Das fordert uns als Berater*innen umso mehr methodisch heraus.

2. Eine anschlussfähige anbieter- wie kundenorientierte Methodik

 Bereits in der Haltungsfrage wurde deutlich, dass Herangehensweisen und Werkzeuge sich anpassen müssen. Wen habe ich vor mir? Was ist anschlussfähig? Braucht es eine maximale mediale Komplexität wie Video-Coaching (vgl. Media-Richness-Modell)? Oder ist vielleicht aufgrund von voraussagbaren technischen Störungen wie auch persönlicher Eigenheiten im Gegenteil eine Komplexitätsreduzierung angesagt wie im Telefonat oder einer Mailberatung. Was muss vielleicht doch zwingend face-to-face gemacht werden? Wie stelle ich Bindung her im virtuellen Raum? Diese Fragen müssen Sie sich persönlich und aus der Perspektive der Kundschaft beantworten.

Sie als Berater*in haben Ihren besonderen Stil und Ihre Lieblingsmethoden (wozu ich auch alle Gesprächstechniken zähle). Wie transformieren Sie diese in den virtuellen Raum? Wie können Sie optimal etwas visualisieren, obgleich der Raum nur zweidimensional ist? Wie gehen Sie an reine Texte, an Sprache heran? Wie können Sie Emotionalität auf die Distanz halten? Welche Beratungsanliegen passen nicht per Video?

Und in Gruppen- und Teamformaten: Mit welchen Formaten kommen Sie als Berater*in am besten klar? Was können Sie als Verantwortliche für das Setting tun, um die Komplexität soweit zu reduzieren, dass die Gruppe/das Team gut auf das Anliegen focussieren kann ohne zu stark zu vereinfachen?

Dies sind Fragen, die durch einige erprobte Anregungen und viel Experimentieren in Übungsgruppen und Hineinspüren und Reflektieren jeder Profi nur für sich beantworten kann.

3. Eine fortgeschriebene Berater*innenidentität

Daraus entwickelt sich nicht nur eine individuelle Methodik, sondern Sie schreiben Ihre Berateridentität fort. Was passt zu meinem bisherigen Ansatz? Was sind meine Werte, meine Kriterien, nach denen ich weitere Formate auswähle? Was biete ich unter welchen Umständen in welcher Form und Mischung mit wem und zu welchem Zweck an?

Wer Online-Beratung unreflektiert als Mode einfach mitmacht ist unprofessionell. Torsten Groth hat in seinen 66 Geboten systemischen Denkens und Handelns ein Gebot benannt: „Betrachte Moden als Moden“ und sagt: „Eine Mode bedient die Prämisse `Halte Ausschau nach Neuem`, und sie bedient die Unsicherheitsabsorption, da man auf andere verweisen kann.“

Es kann nicht als Begründung nicht reichen, zu sagen „Die anderen tun`s doch auch.“ Ein gesunder Respekt und eine gute Abwägung entsprechend des eigenen Beratungsansatzes ist Voraussetzung für die professionelle Nutzung eines Formats der Online-Beratung. Ihr vermitteltes Profil erzeugt Erwartungen, die die Rolle als Berater*in ausmachen - und die zu einem Teil für das in der Beratung notwendige Vertrauen sorgen. Als Profi habe ich den Anspruch, in meinem Vorgehen transparent zu sein und mein Handeln begründen zu können.

Nach ausgiebiger theoretischer wie praktischer Beschäftigung mit der Thematik stelle ich mich nicht nur als Online-Supervisorin und Online-Coach zur Verfügung, sondern biete gemeinsam mit meiner Netzwerkpartnerin Birgit Klennert (s. Netzwerk) für Ihren Verband oder Ihre Organisation eine Fortbildung zu diesem Thema an. Wir arbeiten an Haltung, Methodik und schließlich Integration von Online-Formaten in das bereits bestehende Beratungsprofil.

Zum Schluss noch ein Zitat für alle, die noch kritisch abwägen, ob sie sich auf ein Format der Online-Beratung einlassen sollen. Es handelt sich dabei um einen der Grundsätze von Susan David aus ihrem Buch „Emotionale Beweglichkeit“:„Hören Sie auf zu glauben, dass Sie furchtlos sein müssen. Stellen Sie sich Ihren Ängsten und lassen Sie sich von Ihren Werten zu den Zielen führen, die Ihnen wichtig sind.“

Literatur:

David, Susan: Emotionale Beweglichkeit. Für freie Entfaltung mit klarem Blick und offenem Geist. Unimdedica 2020.

Groth, Torsten: 66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung. Carl-Auer 2017.

Hofert, Svenja: Mindshift. Mach Dich fit für die Arbeitswelt von morgen. Campus 2019.

Coaching-Magazin, diverse Artikel zum Thema Online-Beratung aus 2020.

Foto: Pixelio, von Tony Hegewald

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