Dr. Andrea Hötger Supervision Coach Paderborn Borchen


Homeschooling

Drei Fähigkeiten für die Zukunft und eine kritische Tatsache

Über Homeoffice spricht auf diesen Kanälen jeder. Heute möchte ich über Homeschooling schreiben, weil es radikale Transformationsprozesse auch dahin bringt, wo Homeoffice kaum ein Thema ist (die gleichzeitig von Homeoffice und Homeschooling betroffenen Haushalte träumen sicher gerade von der doppelten Wohnfläche und Internetgeschwindigkeiten wie in Singapur). Homeschooling ist nicht erst seit gestern – den Artikel kann ich aber erst heute so schreiben, ohne in Zynismus zu verfallen. Homeschooling ist eine radikale Herausforderung für Schüler, Eltern und Lehrer. Ich habe eine Tochter, die dieses Jahr Abitur macht, einen Sohn, der vor den Zentralen Abschlussprüfungen steht und einen weiteren Sohn in der fünften Klasse, der schon das Ende der Grundschulzeit im Homeschooling verbracht hat. Ich weiß, wovon ich rede. Auch wenn unser gesamtes Familiensystem in den letzten Wochen manchmal am Limit war, wird mir klar, dass dieses Homeschooling einen Quantensprung in gleich zwei Generationen eines Haushaltes bringt. Drei Fähigkeiten braucht es, um als Familien erfolgreich durch diese Zeit zu gehen:

1. Ein agiles Mindset

Ein bewegliches Denken brauchen Schüler*innen und Eltern beispielsweise, um die täglichen Abstürze der immer mal wieder gehackten Schulplattformen hinzunehmen und am nächsten Tag einen anderen Weg der Informationsübermittlung zu wählen. Lehrer*innen sind plötzlich damit konfrontiert, dass Ihre Vorgehensweisen auch für Eltern transparent sind. Schüler*innen haben mit dem Hochladen jeder Stillarbeit damit zu rechnen, dass da tatsächlich reingeschaut wird. Abiturient*innen wissen nicht um Ihre Prüfungen, geschweige denn über eine Feier. Und nebenbei wird in den Medien noch ernsthaft darüber gesprochen, dass ein ganzes Schuljahr wiederholt werden soll. Hier lernen Schüler*innen wie Eltern, die täglich veränderten digitalen Bedingungen und Aussagen der Politik zu nehmen und für sich angemessene Handlungsoptionen zu entwickeln. Es zählt die Grundeinstellung, dass die Wege niemals „fertig“ sind, sondern, dass immer wieder andere Lösungen gefunden werden müssen. Ein wachsendes „growth“ Mindset siegt über ein festgefahrenes „fixed“ Mindset.

2. Digitalkompetenz

Als erstes braucht man eine Priorisierung für eine gute technische Ausstattung. Im letzten Jahr waren die wichtigsten Investitionen die in ordentliche Endgeräte, LAN-Verbindungen und einen Vertrag mit genügend hoher Bandbreite. Arbeitsplätze, in denen Arbeit von Privatem weitgehend getrennt sein kann, müssen eingerichtet sein. In Kombination mit dem agilen Mindset ist Digitalkompetenz kein Hexenwerk. Es gilt vor allem, experimentierfreudig und zielorientiert – mit Recherchen und Mentoring – vorzugehen. Dann gibt es immer eine Lösung. Wenn das Videokonferenztool innerhalb der Plattform mehr abstürzt als funktioniert, wird ein neuer Weg außerhalb der Plattform gegangen. Datenschutzrichtlinien müssen dabei neu überprüft werden – ein weiterer Zugang, eine weitere App mit weiteren Einwahldaten wird installiert. Wenn sich das Lehrpersonal nicht einigen kann, wo die jeweiligen Aufgaben abgelegt werden, kennen Schüler*innen sich bestens mit allen Wegen aus. PDFs produzieren? Ob vom Handy oder aus png-Scans – wo ist das Problem? Und spätestens wenn der Rechner mit dem Scanner nicht harmoniert, das WLAN nicht funktioniert, der Drucker streikt usw., dann lernen auch die letzten Eltern, dass die „Kreidezeit“ vorbei ist.

3. Selbstorganisation

Unser Fünftklässler ist auf die Selbstorganisation, die von ihm gefordert wird, nicht vorbereitet. Die Zeit von 7.45 Uhr bis 13.00 Uhr zzgl. Hausaufgabenzeit am Nachmittag nur durch Videokonferenzen und Arbeitsblätter selbst zu strukturieren ist für ihn allein eine hoffnungslose Überforderung – wenn da nicht Eltern und große Geschwister wären. Er muss eine doppelte Ablage aufrechterhalten (analog: ausdrucken, ausfüllen, abheften und digital: einscannen, abspeichern, hochladen), inmitten der Arbeitsphasen die nächsten Videokonferenzen nicht verpassen, Abgabetermine im Blick behalten ... Also leiten wir „Großen“ an und machen mit ihm gemeinsam Übersichten, stellen Timer, führen Listensysteme zum Abhaken ein, machen einen Plan B – und versuchen Souveränität und Vertrauen auszustrahlen. Doch ist nicht nur das persönliche Selbstmanagement, sondern auch die Selbstorganisation der drei Kinder untereinander gefragt, denn schließlich stehen die Eltern nicht die ganze Zeit im Standby-Modus sondern gehen ihrer erforderlichen Arbeit nach. Wer hilft wann wem? Wer kümmert sich um die notwendigen Arbeiten im Haushalt? Da lernen Eltern, wie viel Organisation eine Selbstorganisation braucht – und wieviel Potential in den Einzelnen steckt, wenn man nicht alles top down managt.

Homeschooling bringt also den Quantensprung für die gesellschaftliche Transformation? Ja – aber bei weitem nicht für alle!

Hier kommt der kritische Punkt. Homeschooling zeigt und fördert bereits vorhandene Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft. Da ist zum einen die Tatsache, dass Homeschooling hauptsächlich auf den Schultern von Frauen lastet; nicht zuletzt, weil sie häufiger in Teilzeit und in niedrigeren Positionen arbeiten. Für die Kinder ist jedoch vor allem eine Ungerechtigkeit zwischen bildungsnäheren und bildungsentfernteren Milieus zu spüren wie auch die Tatsache, ob genug Geld für eine wirklich gute technische Ausstattung vorhanden ist. Außerdem sind Kinder (wie Erwachsene) in Regionen mit mangelnder digitaler Infrastruktur erheblich benachteiligt. Wollen wir als Berater*innen soziale Systeme in die digitale Welt begleiten, so brauchen wir ein Bewusstsein für diese kritischen Punkte.

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